Kirchliches Forschungsheim (1927–2004)

Zunächst als „Forschungsheim für Weltanschauungsfragen“ gegründet, sollte sich die von der provinzsächsischen Landeskirche unterhaltene Einrichtung dem Dialog zwischen Naturwissenschaften und Theologie widmen. Eine alsbald erstellte Ausstellung zur Urgeschichte des Menschen suchte klarere Durchblicke durch die evolutionstheoretischen Thesen und Gedankengebäude zu schaffen. Zugleich war ein gleichnamiger Verein gegründet worden, dessen Zweck darin bestand, Weltanschauung im evangelischen Geiste durch Forschungs-, Vortrags- und Lehrtätigkeit zu pflegen.

Otto Kleinschmidt

Der Leiter des Forschungsheims, Otto Kleinschmidt (1870–1954), war Pfarrer und Naturwissenschaftler, ins­­besondere Vogelkundler. Im Jahr 1900 hatte er eine neue zoologische Systematik unter dem Titel „Formenkreislehre“ publiziert. Später dil­ettierte er auch als Anthropologe und radikalisierte 1933 für kürzere Zeit seine (zoologisch gewonnene) Systematik ins Humanrassistische. Nach „fachlichen“ Auseinandersetzungen darüber mit den Nationalsozialisten äußerte er sich dann nicht mehr zum Thema. Er war bis 1953 Leiter des Forschungsheimes.

Von 1927 bis 1961 residierte das Forschungsheim im Wittenberger Schloss. Dann musste es dort weichen. Seither hatte das KFH seinen Sitz gegenüber dem Augusteum. Personell war es immer eine sehr kleine Einrichtung. In den 1980er Jahren gehörten ihm zwei wissenschaftliche Vollzeit- und zwei technische Halbtagsbeschäftigte an.

Ab 1975, mit der Übernahme der Leitung durch Hans-Peter Gensichen, entwickelte sich das KFH zu einer Stätte des Nachdenkens über den „Konflikt Mensch – Erde“, wie es im Untertitel der seit 1980 herausgegeben KFH-Zeitschrift hieß. Nun fand eine intensive Auseinandersetzung mit Risiken und Gefährdungen statt, die durch wirtschaftliche und technologische Entwicklungen entstehen bzw. entstehen können. Darüber wurde das Forschungsheim zu einem Kristallisationspunkt der staatsunabhängigen Umweltbewegung in der DDR.

Wikipedia: Kirchliches Forschungsheim

Literatur

Evangelische Akademie Sachsen-Anhalt (Hg.): Vom Forschungsheim für Weltanschauungskunde zur Studienstelle für Naturwissenschaft, Ethik und Bewahrung der Schöpfung. 90 Jahre Kirchliches Forschungsheim (=Briefe Zur Orientierung im Konflikt Mensch – Erde H. 126), Lutherstadt Wittenberg 2018

Abstract

Das Heft enthält eine Nachlese zur gleichnamigen Tagung im November 2017. Mit einem Beitrag von Friedrich Kramer „ Vom ‚Kirchlichen Forschungsheim‘ über die ‚Forschungsstelle für ökologische Bildung und Beratung‘ zur ‚Studienstelle für Naturwissenschaft, Ethik und Bewahrung der Schöpfung (Kirchliches Forschungsheim seit 1927)‘“, Impressionen zur Geschichte des Kirchlichen Forschungsheimes aus der Sicht ehemaliger Mitarbeiter (Gerhard Pfeiffer zu den 80er Jahren, Michael Schicketanz zu den 90er jahren), den Texten „Verschweigen, Verdrängen, Vergessen – Zur Wirkungsgeschichte der Pechblende“ (Wolfram Hädicke) und „Sich der Natur zuwenden: Otto Kleinschmidt und der Gründungsimpuls des „Forschungsheimes für Weltanschauungskunde““ (Michael Beleites).

Das Forschungsheim unter Otto Kleinschmidt

[Hans] Schöttler: „Forschungsheim für Weltanschauungskunde“ in der Lutherstadt Wittenberg, o.O. o.J. [1927]

Forschungsheim für Weltanschauungskunde Wittenberg e.V. (Hg.): Was ist das Forschungsheim für Weltanschauungskunde?, Wittenberg 1927

[Hans] Schöttler: Forschungsheim für Weltanschauungskunde e.V., o.O. o.J. [1927]

Enthält die erste Satzung des Forschungsheims.

O[tto] Kleinschmidt: Vorläufige Mitteilungen an die Mitglieder des Forschungsheims für Weltanschauungskunde in der Lutherstadt Wittenberg, o.O. [Wittenberg] 1927

O[tto] Kleinschmidt: Führer durch die Schausammlungen des Forschungsheims für Weltanschauungskunde in Wittenberg, Verlag des Forschungsheims für Weltanschauungskunde, Wittenberg 1929

In der Schrift werden die Exponate des Forschungsheims für Weltanschauungskunde vorgestellt, die im „Weltanschauungssaal“, dem „Anthropologischen Schauraum“ und dem „Biologischen Schauraum“ präsentiert wurden. Als Anlagen sind „Hinweise für auswärtige Besucher“ sowie die Satzungen des Vereins „Forschungsheim für Weltanschauungskunde“ abgedruckt.

Otto Kleinschmidt: Das Forschungsheim für Weltanschauungskunde, o.O. [Wittenberg] 1933

Die Datei fasst zwei kurze Texte des Forschungsheimleiters zusammen, die unter gleichem Titel am 10.9.1933 und in der städtischen Broschüre zu den Lutherfesttagen Wittenberg a vom 9.–13.9.1933 publiziert worden waren.

Hans Meyer: Aus den Anfängen des Forschungsheimes für Weltanschauungskunde in Wittenberg. Eine Plauderei mit alten Briefen, in: Heimatkalender Lutherstadt Wittenberg & Landkreis Wittenberg 2010, Drei Kastanien Verlag, Lutherstadt Wittenberg 2010, S. 83–97

Kirchliches Forschungsheim Wittenberg: Berichte 1929–1939, o.O. [Wittenberg]

Die Berichte wurden für die Mitglieder des Vereins des Forschungsheimes erstellt und diesen zugesandt. Die Datei enthält die Berichte Nr. 1 (1929), 2 (1931), 3 und 4 (beide 1932), 5 (1933), 6-7 (1937), 8 und 9 (beide 1938), 10, 11 und 12 (alle 1939). Damit bricht die Überlieferung im Archiv des Forschungsheimes (heute im Archiv der Nationalen Akademie Leopoldina) ab; ob weitere Berichte ausgesandt wurden, ist nicht bekannt.

Otto Kleinschmidt, Leiter des Forschungsheims 1927–1954, in: Jens Hüttmann/Peer Pasternack (Hg.), Wittenberg nach der Universität. Eine historische Spurensicherung, Institut für Hochschulforschung, Wittenberg 2003ff.

Matthias Kopischke/Michael Beleites/Thorsten Moos/Peer Pasternack: Otto Kleinschmidt. Grenzgänger zwischen Na­tur­wissenschaft und Religion. Begleitheft zur Ausstellung, Evangelische Akademie Sachsen-Anhalt, Witten­berg 2007, 12 S.

Weitere Literatur von und zu Otto Kleinschmidt

Das Forschungsheim seit 1975

Hans-Peter Gensichen: Von der Kirche zur Gesellschaft. Die Bewegung des Wittenberger Forschungsheimes zwischen 1945 und 2000, in: Jens Hüttmann/Peer Pasternack (Hg.), Wissensspuren. Bildung und Wissenschaft in Wittenberg nach 1945, Wittenberg 2004, S. 168–189

Hans-Peter Gensichen: Das Kirchliche Forschungsheim Wittenberg in den 80er Jahren, in: Hei­matkalender Lutherstadt Wittenberg & Landkreis Wittenberg 2000, Drei Kastanien Verlag, Lutherstadt Wittenberg 1999, S. 46–52

Hans-Peter Gensichen: Die Beiträge des Wittenberger Forschungsheimes für die kritische Umweltbewegung in der DDR, in: Institut für Umweltgeschichte und Regionalentwicklung e.V. (Hg.), Umweltschutz in der DDR. Analysen und Zeitzeugenberichte. Band 3: Beruflicher, ehrenamtlicher und freiwilliger Umweltschutz, Oekom, München 2007, S. 149–177

Fachliche Literatur aus dem Kirchlichen Forschungsheim in den 80er Jahren (Auswahl)

Übersicht zu den KFH-Sammlungsbeständen (ab 1975) im Archiv der Robert-Havemann-Gesellschaft Berlin und Findbuch

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