Wissenschaft und Höhere Bildung in Wittenberg nach 1817
Seit der Vereinigung von LEUCOREA und hallescher Universität 1817 gab es in Wittenberg zwar kein akademisches Leben im engeren Sinne mehr. Sehr wohl jedoch fanden am Ort auch weiterhin Wissenschaft und Höhere Bildung statt. Preußen, Kaiserreich, Weimarer Republik, NS-Regime und DDR hatten daran ihren jeweils eigenen Anteil.
Zum 500. Gründungsjubiläum der Wittenberger Universität im Jahre 2002 publiziert, widmet sich Darstellung der Zeit, in der Wittenberg kein universitärer Standort war. Gefragt wird danach, inwieweit auch ohne den institutionellen Hintergrund einer Universität Wissenschaft und Höhere Bildung in Wittenberg existierten. Unterschieden wird dabei zwischen reformationsbezogenen und nichtreformationsbezogenen Aktivitäten: Welche Rolle spielte Wittenberg in den geschichtspolitischen Verarbeitungsversuchen der Reformation und welche Entwicklung dabei die reformationshistorische Infrastruktur der Stadt Wittenberg? Inwiefern fortexistierte bzw. entstand Wissenschaft und Bildung nach der Universität – aus Gründen der technologisch-industriellen Innovation oder der zunehmenden Verwissenschaftlichung zahlreicher gesellschaftlicher Bereiche, aus strukturpolitischen Gründen, die zur Ansiedlung nichtuniversitärer Forschungs- und Bildungseinrichtungen führten, oder aus kulturellen Motiven etwa bürgerlicher Bildungsbedürfnisse?
Beleuchtet werden die – im einzelnen sehr unterschiedlich ausgefallenen – Kontinuitätsbrüche, welche die Stadt nach der Universitätsaufhebung 1817 erfahren hat. In Anknüpfung an die vier Universitätsfakultäten wird Wittenberg als Ort theologischer Ausbildung, der medizinischen Ausbildung und Versorgung, als Ort des Rechts sowie als Ort propädeutischer Ausbildung und naturwissenschaftlicher Forschung vorgestellt – gekennzeichnet durch das Charakteristikum, all dies trotz Universitätsschließung im Jahre 1817 geblieben oder später wieder geworden zu sein.
Als Beitrag des Instituts für Hochschulforschung (HoF) war 2002 zum 500jährigen Gründungsjubiläum der Universität Halle-Wittenberg im Wittenberger Schloss die Ausstellung „Wittenberg nach der Universität“ gezeigt worden. Die Netzpräsentation dieser Ausstellung bildet den Mittelpunkt der Online-Veröffentlichung. Erweitert ist dies um weitere Materialien zum Thema.
Der Band stellt umfassend die Geschichte von Bildung und Wissenschaft in Wittenberg zwischen 1945 und 1994 dar. Dabei sind gleichgewichtig die reformationsbezogenen und die nicht reformationsbezogenen Einrichtungen und Aktivitäten berücksichtigt. Als Autor.innen wirken sowohl Wissenschaftler als auch Zeitzeugen mit. Nicht zuletzt interessiert die Zeit zwischen 1945 und 1994 deshalb, weil sie zwei grundstürzende Systembrüche und die 40 Jahre DDR einschloss.
Die Anstalt wurde gegründet, um ihre Schülerinnen darauf vorzubereiten, nach Kriegsende im ehemaligen polnischen Korridor als Lehrerinnen tätig zu werden … mehr
1949 begann eine von der Kirchenprovinz Sachsen unterhaltene Ausbildungsstätte ihre Arbeit in den Räumlichkeiten des Predigerseminars, der Katecheten … mehr
Wittenberg hatte im 19. und 20. Jahrhundert vier Museen: die Lutherhalle, das Melanchthonhaus (seit 1967), das Natur- und Völkerkundemuseum „Julius Riemer“ (1953–2011) und … mehr
Der schlechte Ausbildungsstand der um die Wende zum 18. Jahrhundert tätigen Hebammen – viele von ihnen konnten nicht lesen und schreiben – führte dazu, dass … mehr
Die Stiftung unterhielt vor allem ein Krankenhaus, war durch eine seit 1914 bestehende Krankenpflegeschule und die 1950 erteilte Berechtigung zur … mehr
Das Verständnis von Forschung wurde im Zuge der industriellen Modernisierung grundlegend erweitert, wie sich gerade in Wittenberg plastisch zeigte … mehr
1975 wurde in Wittenberg eine Außenstelle des Bereiches Umweltschutz des damaligen Instituts für Wasserwirtschaft (IfW) Berlin gegründet … mehr
Höhere Bildung
Der ein wenig barock anmutende Begriff ‚Höhere Bildung’ kann nicht umstandslos durch das heute übliche ‚Bildung im tertiären Sektor’ ersetzt werden. Denn im 19. Jahrhundert fand die Wanderung wesentlicher Teile der Wissenschaftspropädeutik aus – in heutigen Bezeichnungen – dem tertiären in den Sekundarbereich statt. Dies geschah vor allem dadurch, dass den Gymnasien im Zuge der preußischen Bildungsreformen neue Aufgaben zugewiesen wurden. Die Geschichte des ersten Wittenberger Gymnasiums, des heutigen Luther-Melanchthon-Gymnasiums, weist Spuren bis zurück ins Jahr 1371 auf. Im Rahmen des 200jährigen Bestehens der Universität wurde die Schule als „Lyceum“ benannt. Seit 1827 trug die „Hohe Schul“ zusätzlich die Bezeichnung „Königliches Gymnasium“, wurde 1919 in „Staatliches Melanchthon-Gymnasium“ umbenannt und hieß in der DDR EOS „Philipp Melanchthon“. Daneben entstanden in der DDR zwei weitere Erweiterte Oberschulen: die EOS „Martin Luther“ und die EOS „Lucas Cranach“ im Stadtteil Piesteritz.
In Ergänzung der mehrfach bearbeiteten Geschichte der Stadt Wittenberg und ihrer Universität legte der damalige Direktor des Gymnasiums eine Geschichte desselben vor. Denn „bei dem Glanze jener Hochschule“ sei „das stille und bescheidene Verdienst, das sich die hiesigen Schulen um Licht und Wahrheit, um Bildung und Veredelung der Jugend erwarben, eine geraume Zeit hindurch, übersehn, ja zuweilen vernachlässigt“ worden. Die Darstellung endet 1828, als das vormalige Lyzeum von der Bürgerschule getrennt und zu einer für sich bestehenden Anstalt erhoben wurde.
[Wilhelm] Bernhardt: Das Gymnasium zu Wittenberg von 1520 bis 1868, in: Festschrift zur Feier der Einweihung des Neuen Gymnasialgebäudes zu Wittenberg am 10. Januar 1888, Wittenberg o.J. [1888], S. 33–67
Im Anschluss an Spitzner (s.o.) wird die Geschichte des Gymnasiums der zum Veröffentlichungszeitpunkt zurückliegenden 40 Jahre berichtet.
Ludwig Adolf Wiese: Wittenberg, in: ders., Das höhere Schulwesen in Preußen, Historisch-statistische Darstellung, im Auftrage des Ministers der geistlichen , Unterrichts- und Medicinal-Angelegenheiten,Verlag von Wiegandt und Grieben, Berlin: Bd. 1, 1864, S. 259f.; Bd. 2: 1864–1868 (1969), 1869, S. 244f.; Bd. 3: 1869–1876 (1874), 1874, S. 219f.; Bd. 4: 1874–1901 (1902), hrsg. von B. Irmer, 1902, S. 399f.
Einleitend eine Zeittafel zur Wittenberger Schulgeschichte seit dem 14. Jahrhundert. Sodann Zeittafeln zu den 100 Jahren seit 1897, als das Gymnasium den Namen „Melanchthon“ erhielt.
Programm des Melanchthon-Gymnasiums zu Wittenberg. Ostern, Fr. Wattrodt, Wittenberg 1897–1911
Barbara Geitner/Heidrun Rößing/Ariane Schröter/Maria Bothe/Susanne Hoffmann/Victoria Kamphausen: Das Melanchthon-Gymnasium Wittenberg, in: Jens Hüttmann/Peer Pasternack (Hg.), Wissensspuren. Bildung und Wissenschaft in Wittenberg nach 1945, Wittenberg 2004, S. 344–351
Lucas-Cranach-Gymnasium (Hg.): Das LCG im Wandel der Zeit (=Tarantel Sonderausgabe Oktober ’99), Wittenberg 1999
Anlass dieser Sonderausgabe der Schülerzeitschrift des Lucas-Cranach-Gymnasiums war der 50. Jahrestag der Schulgründung, seinerzeit eingerichtet im früheren Piesteritzer Rathaus. Es wird ein Einblick in die Zeit von den 1950er bis in die 90er Jahre gegeben, vor allem mit Erlebnisberichten früher Schüler.innen und Lehrer.innen.