Zu Naturwissenschaften und Mathematik an der Artistischen/Philosophischen Fakultät

Im 16. und 17. Jahrhundert waren die an der Philosophischen Fakultät gelehrten Disziplinen häufig nicht strikt voneinander getrennt. Offenbar wurde das vor allem an zweierlei: Eine Reihe von Hochschullehrern wechselte das jeweils vertretene Fach im Laufe der Jahre mehrfach. Und andere Professoren hielten zu gleicher Zeit Vorlesungen zu Wissensgebieten, die aus heutiger Sicht sehr weit voneinander entfernt waren. Vor allem aber war es charakteristisch, dass die Naturwissenschaften organisatorisch noch nicht eigenständig waren. Sie wurden im Rahmen der Philosophischen Fakultäten betrieben. Im 18. Jahrhundert begann dann ein Ausdifferenzierungsprozess, der zu einer klareren Abgrenzung der Disziplinen in Lehre und Forschung führte. In diesem Zusammenhang setzte sich auch die Abspaltung von – aus heutiger Sicht – Parawissenschaften wie Alchemie oder Astrologie durch. Am Ende des Jahrhunderts wies die Wittenberger Philosophische Fakultät 31 Disziplinen aus. Im 19. Jahrhundert entstanden dann auch eigenständige naturwissenschaftliche Fakultäten, doch in dieser Zeit war die LEUCOREA bereits aufgehoben.

Literatur

Wolfram Kaiser: Ärzte und Naturwissenschaftler im Kreis um Luther und Melanchthon, in: ders./ Arina Völker (Hg.), Medizin und Naturwissenschaften in der Wittenberger Reformationsära (Beiträge zur Universitätsgeschichte), Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Halle (Saale) 1982, S. 127–166

Günter Frank/Stefan Rhein (Hg.): Melanchthon und die Naturwissenschaften seiner Zeit (Melanchthon-Schriften der Stadt Bretten Bd. 4), Thorbecke, Sigmaringen 1998, 329 S. – Inhaltsverzeichnis

Abstract

Dass Philipp Melanchthon zu den Naturwissenschaften und anderen wissenschaftlichen Disziplinen in der Frühen Neuzeit ein positives und produktives Verhältnis hatte, ist der Ausgangspunkt des Buches. Die in diesem Band vorliegenden Beiträge aus so verschiedenen Fachdisziplinen wie Theologie, Naturphilosophie, Mathematik, Astrologie, Astronomie, Medizin, Geographie und Kosmografie präsentieren das Bild eines Gelehrten, dem es durch sein Wirken und durch eine umfassende Bildung in nahezu allen Bereichen des Wissens in der Frühen Neuzeit gelang, die beginnende religiöse Reformbewegung des 16. Jahrhunderts mit den zeitgenössischen Erneuerungen in Wissenschaft und Technik zu verbinden. Die Beiträge zeigen, dass Melanchthon wie kaum ein anderer Gelehrter eine produktive Synthese von Reformation und expandierenden Wissenschaften seiner Zeit verkörpert.

Mathematik

Manfred Goebel: Bibliographie zur Geschichte der Mathematik in Wittenberg und Halle. 1. Fassung vom 20. Juni 2000 (Reports on Didactics and History of Mathematics 14), Fachbereich Mathematik und Informatik der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Halle 2000

Karin Richter/Silvia Schöneburg (Hg.): Mathematische Forschung und Lehre im 16. und 17. Jahrhundert an der Universität Wittenberg, 4 Bde., Verlag Dr. Kovač, Hamburg 2010–2014

Band 1: Frühe Mathematik und Kometenbeobachtung in Wittenberg, 2010, 183 S. – Inhaltsverzeichnis
Anhand der Darstellung der mathematischen Lehrsituation an der Wittenberger Hochschule in den ersten zwei Jahrhunderten ihres Bestehens, in denen typische Entwicklungstendenzen und Charakteristika aufgezeigt werden, wird im ersten Teil dieses Bandes ein anschauliches Bild über den Stand und den Stellenwert der Mathematik resp. der mathematischen Lehre an der LEUCOREA vermittelt.

Band 2: Kometenobservationen im mitteldeutschen Raum in der Mitte des 17. Jahrhunderts, 2011, 130 S. – Inhaltsverzeichnis
Das Buch widmet sich den Kometenschriften Christoph Nothnagels und stellt sie in Bezug zu entsprechenden Arbeiten von Erhard Weigel und Tobias Beutel, beide herausragende Forscher ihrer Zeit.

Band 3: Astronomische Lehre an der Universität Wittenberg – Quellen und Schriften zu den Anfangsgründen der Astronomie, 2013, 203 S. – Inhaltsverzeichnis
Astronomische Studien stellten in der mathematischen Lehre an der Wittenberger Universität im 17. Jahrhundert einen wesentlichen Lehrgegenstand dar. Das Buch widmet sich in seinem ersten Teil der grundlegenden Lehrbuchliteratur, die zu jener Zeit in Wittenberg Anwendung fand. Im zweiten Teil wird anhand der Schriften des Wittenberger Mathematikers Christoph Nothnagel beleuchtet, wie aktuelle astronomische Forschungen ihren Widerhall im Lehrbetrieb fanden.

Band 4: Praktische Mathematik an der Universität Wittenberg – Astronomische Observation und Mathesis militaris in originalen Schriften, 2014, 117 S. – Inhaltsverzeichnis
Das Buch widmet sich in seinem ersten Teil den immer wieder erneuerten Bemühungen der Wittenberger Mathematiker um Errichtung einer Universitätssternwarte zur präzisen Beobachtung von Himmelserscheinungen. Der zweite Teil stellt mit dem Lehrbuch des Mathematikers Ambrosius Rhodius zu den mathematischen Grundlagen der Kriegsmathematik, eingebunden in den Kontext des 30-jährigen Krieges, ein ebenso herausragendes wie für Wittenberg auch typisches Beispiel zur praktischen Mathematik vor und ordnet es unter dem Gesichtspunkt mathematischer Lehrtätigkeit ein.

Georg Singer: Akademischer Mathematikunterricht im Reformationszeitalter. Philipp Melanchthons Einfluß auf die mathematische Lehre. Vortrag gehalten zum Jahr der Mathematik am Kepler-Gymnasium in Weiden am 6. Oktober 2008, Selbstverlag, Weiden in der Oberpfalz 2008

Silvia Schöneburg: Zur mathematischen Lehrtätigkeit an der Universität Wittenberg im 16. und 17. Jahrhundert, dargestellt unter besonderer Berücksichtigung des Wittenberger Mathematikers Ambrosius Rhodius (1577–1633), Halle 2007

In ihrer Dissertationsschrift untersucht Silvia Schöneburg die mathematische Lehrtätigkeit an der Artes-Fakultät an der LEUCOREA in den ersten anderthalb Jahrhunderten ihres Bestehens. Im ersten Teil des Buches erfolgt eine phänomenologische Beschreibung der mathematischen Lehre an der Universität Wittenberg unter Berücksichtigung ihrer Einbettung in philosophische und theologische Vorlesungen und Lehre. Der Wittenberger Mathematikprofessor Ambrosius Rhodius und sein Lehrbuch „Mathesis militaris“ stehen im Zentrum des zweiten Hauptteils der Arbeit. Mit dem Buch soll ein Beitrag zur Mathematikgeschichte des 16. und 17. Jahrhunderts sowie zur Bildungstheorie auf dem Gebiet der Mathematik geleistet werden.

Thomas Krohn: Christoph Nothnagels Lehre und Forschungstätigkeit an der Universität Wittenberg. Mathematisch-astronomische Weltsicht des 17. Jahrhunderts im Spiegel universitärer Lehre, Halle 2014

Die Forscher- und Lehrpersönlichkeit von Christoph Nothnagel und seine Tätigkeit an der LEUCOREA im 17. Jahrhundert als Nachfolger und Schüler von Ambrosius Rhodius stehen im Mittelpunkt dieser Dissertation. Vor allem werden Theorie und Praxis Nothnagels im Bereich der Astronomie untersucht, um die Frage zu beantworten, ob sich die im Bereich der Naturwissenschaft und Mathematik sehr aufgeschlossene Haltung an der LEUCOREA während der Schaffenszeit von Rhodius nun auch bei seinem Schüler fortsetzte.

Joseph E. Hofmann: Michael Stifel (1487?–1567). Leben, Wirken und Bedeutung für die Mathematik seiner Zeit (Sudhoffs Archiv Beiheft 9), Wiesbaden 1968, 42 S. – Inhaltsverzeichnis

Michael Stifel war der führende Algebraist in der Mitte des 16. Jahrhunderts. In der kurzen Schrift werden vor allem Stifels „Arithmetica integra“ (Nürnberg 1544) sowie seine überarbeitete und erweiterte Edition von Christoph Rudolffs „Coss“ (Königsberg 1544, 1571, Amsterdam 1615) thematisiert. Beide Publikationen hatten erheblichen Einfluss auf die Geschichte der Mathematik.

Werner Jentsch: Michael Stifel. Mathematiker und Mitstreiter Martin Luthers, in: Jahrbuch für Geschichte der Oberdeutschen Reichsstädte. Esslinger Studien 28 (1989), S. 25–50

Karin Reich: Michael Stifel. Die Beziehung Martin Luthers zu Michael Stifel, in: Jahrbuch für Geschichte der Oberdeutschen Reichsstädte. Esslinger Studien 29 (1990), S. 17–59

Volkmar Joestel: Magister Bonifatius von Roda. Ein Wittenberger Mathematiker und Bekannter Karlstadts, in: Erich Donnert (Hg.), Europa in der Frühen Neuzeit. Festschrift für Günter Mühlpfordt, Bd. 1: Vormoderne, Böhlau, Köln/Weimar/Wien 1997, S. 197–209

Thomas Krohn: Über die Schrift „Prodromus Conjunctionis Magnae, anno 1623. futurae. Das ist: Kurtzes und Einfeltiges, doch in Gottes Wort und der Astrologischen Kunst gegründets Bedencken von dem grossen Cometstern, der in abgewichenem 1618. Jahre im Novembri sich erst recht sehen lassen […]“ von Erasmus Schmidt (1570–1637), Professor für Mathematik an der Wittenberger Universität (Reports of History of Mathematics 13/2008), Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Institut für Mathematik, Halle (Saale) 2008

Lob- und Trauer-Rede, Bey der Beerdigung Des weyland Hochedelgebohrnen und Hochgelahrten Herrn, Johann Friedrich Weidlers, I. U. D. und Mathematum Superiorum Professoris Publici Ordinarii allhier, wie auch der Königl. Englischen und Preußischen Societäten der Wissenschaften Mitglieds, am 3. December 1755. In ansehnlicher Versammlung, zum Wohlverdienten Ruhme des Wohlseeligen, gehalten Von D. Christian Gottlieb Klugen, Archidiac., Ephraim Gottlob Eichsfelden, Universitäts-Buchdruckern, Wittenberg 1755

Johann Friedrich Weidler (1691–1755) war Mathematiker und Rechtswissenschaftler, seit 1715 Professor der niederen Mathematik und ab 1719 Professor der höheren Mathematik. 1727 wurde er in Basel zum Doktor der der Rechtswissenschaften promoviert. Zweimal amtierte er als Rektor der LEUCOREA. Die Publikation enthält neben der im Titel angekündigten Lob- und Trauerrede auf Johann Friedrich Weidler von Christian Gottlieb Kluge die Ansprache des Rektors der Universität, Georgius Rudolphus Boehmer, eine Darstellung der „Lebens-Umstände“ des Verstorbenen sowie eine Bibliografie Weidlers.

Astrologie und Astronomie

Karin Richter/Silvia Schöneburg (Hg.): Mathematische Forschung und Lehre im 16. und 17. Jahrhundert an der Universität Wittenberg, 4. Bde, Verlag Dr. Kovač, Hamburg 2010–2014

Siehe die Abstracts zu den vier Bänden über Mathematik und Astronomie auf dieser Seite unter „Mathematik“.

Jürgen G.H. Hoppmann (Hg.): Melanchthons Astrologie. Der Weg der Sternenwissenschaft zur Zeit von Humanismus und Reformation. Katalog zur Ausstellung vom 15. September bis 15. Dezember 1997 im Reformationsgeschichtlichen Museum Lutherhalle Wittenberg, Drei Kastanien Verlag, Wittenberg 1997, 126 S.

Es geht u.a. um Wittenberg und die Astronomie, Melanchthons Verhältnis zu Horoskopen, die Horoskope Luthers und Melanchthons, Georg Spalatin und die Astrologen, Luthers Verhältnis zur Astrologie Melanchthons, den Traum-Glauben Melanchthons, Wittenberger Gelehrte im Leben von Johannes Kepler, um Wittenberg, Tycho Brahe und sein astronomisches Weltsystem, Giordano Bruno in Wittenberg und den Wittenberger Meteoritenforscher Chladni.

Jürgen G.H. Hoppmann: Astrologie der Reformationszeit. Faust, Luther, Melanchthon und die Sternendeuterei, C. Zerling, Berlin 1998, 220 S. – Inhaltsverzeichnis

Das Buch befasst sich mit der Geschichte der Astrologie im 16. Jahrhundert als diese eine Blütezeit erlebte. Entsprechend den Tierkreiszeichen ist der Band in zwölf Kapitel untergliedert und thematisiert die verschiedenen Perspektiven auf Astrologie anhand der Biografien von Persönlichkeiten, die sich mit ihr beschäftigten. Insbesondere das Wirken Philipp Melanchthons, seiner Schüler und Anhänger durchzieht das Buch wie ein roter Faden. Die verschiedenen Stränge astrologischer Forschung des 16. Jahrhunderts werden im Narrativ des Buchs verwoben.

Claudia Brosseder: Im Bann der Sterne: Caspar Peucer, Philipp Melanchthon und andere Wittenberger Astrologen, Akademie Verlag, Berlin 2004, 429 S. – Eingeschränkte Buchansicht bei Google Books

Die Astrologie spielte unter den europäischen Gelehrten des 15. und 16. Jahrhunderts eine herausragende Rolle. Die Autorin offeriert eine grundlegende Studie zur Astrologie an der Universität Wittenberg und darüber hinaus. Sie geht den Fragen nach, welche Erkenntnisse die Astrologen gewannen, mit welchen Kategorien sie diese bewerteten und für welche Zwecke sie sie verwendeten. Zudem thematisiert Brosseder den wissenschaftlichen Diskurs über Astrologie, ihre anthropologische und naturphilosophische Legitimierung, ihren universalhermeneutischen Anspruch, ihre Präsenz in der Politik und in den Universitäten, ihren Gebrauch in der ärztlichen Praxis sowie den Konflikt mit der Theologie.

Michael Weichenhan: Astrologie und natürliche Mantik bei Caspar Peucer, in: Stefan Oehmig (Hg.), 700 Jahre Wittenberg. Stadt Universität Reformation, Böhlau Verlag, Weimar 1995, S. 213–224

Karl Heinz Burmester: Magister Rheticus und seine Schulgesellen. Das Ringen um Kenntnis und Durchsetzung des heliozentrischen Weltsystems des Kopernikus um 1540/50, UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz 2015 – Inhaltsverzeichnis

Harry Nussbaumer: Ohne Rheticus kein Kopernikus, in: ders., Revolution am Himmel. Wie die kopernikanische Wende die Astronomie veränderte, vdf Hochschulverlag, Zürich 2010, S. 66–69

Helmut Sonderegger: Astronomische Beobachtungsgeräte zu Rheticus’ Zeiten, in: Philipp Schöbi/Helmut Sonderegger (Hg.): Georg Joachim Rheticus 1514–1574. Wegbereiter der Neuzeit. Eine Würdigung, Hohenems 2014, S. 177–192

Alchemie, Pharmazie und Chemie

Harald Meller/Alfred Reichenberger/Christian-Heinrich Wunderlich (Hg.): Alchemie und Wissenschaft des 16. Jahrhunderts. Fallstudien aus Wittenberg und vergleichbare Befunde. Internationale Tagung vom 3. bis 4. Juli 2015 in Halle (Saale), Halle 2016, 402 S. – Inhaltsverzeichnis

Die Publikation entstand im Rahmen der Entwicklung einer Sonderausstellung des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle. In deren Mittelpunkt stand der bislang größte Fund alchemistischer Gerätschaften des 16. Jahrhunderts nördlich der Alpen an der Außenwand der ehemaligen Franziskanerkirche in Wittenberg. Mit Blick auf die Geschichte der Universität Wittenberg sind folgende Beiträge interessant: Joel Klein: Alchemical Histories, Chymical Education, and Chymical Medicine in Sixteenth- and Seventeenth-Century Wittenberg; Heiner Lück: Die Gründung der Universität Wittenberg und ihr akademisches Umfeld; Florian Steger: Ein Blick auf die Medizingeschichte des 16. Jahrhunderts; Philippe Wanner: Alchemie und Pharmazie im 16. Jahrhundert; Claudia Sachße: Alchemie und Arzneibereitung in Spätmittelalter und Früher Neuzeit; Andreas Stahl: Alchemistische Netzwerke in und um Wittenberg – Faust in Wittenberg?

Rüdiger Stolz: Johann Theodor Neukranz und sein chemisches Laboratorium an der Universität Wittenberg im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts, in: NTM 16/1979, S. 72–79

Fritz Kümmel: Der ehemalige Botanische Garten der sächsischen Universität Wittenberg. Vor 300 Jahren (1711) erschien der erste Pflanzen-Katalog, in: Schlechtendalia. Veröffentlichungen aus dem Institut für Biologie, Institutsbereich Geobotanik und Botanischer Garten der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg 24 (2012), S. 21–40

Johann Christian August Grohmann: Zur Geschichte des botanischen Gartens, in: ders., Annalen II 1802, S. 89–93

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